Wozu braucht es eine Philosophie der Liebeskunst?
Bis Ende November 2025 war ich vorwiegend auf Instagram aktiv, um als ehemalige Kurtisane und heute glückliche Ehefrau über die Themen Liebesleben, Liebeskunst, Liebe und Beziehung zu schreiben. Dabei fiel mir zweierlei auf: Die meisten Menschen in langjähriger Partnerschaft wünschten sich ein aktives Liebesleben und Nähe, doch das, was sie schilderten, klang selten nach Liebe, sondern nach Alltag, Pflicht und enttäuschten Erwartungen. Und: Jeder benutzt das Wort „Liebe“ anders.
Wenn Begriffe unklar sind, wird Liebe zu Projektionsfläche
Wenn die Bedeutung eines Begriffs jedoch unklar ist, spricht man nicht über dieselbe Sache. Dann kann „Liebe“ alles heißen – und manchmal sogar das Gegenteil: Eifersucht, Selbstaufgabe, Schmerz oder Kontrolle. Genau deshalb entstehen endlose Debatten, die sich moralisch aufladen, aber begrifflich leer bleiben.
Ein konkretes Beispiel: „Das kann niemals Liebe sein“
Das zeigte sich auch ganz konkret, als ich schrieb: Dass ich 2012 bei Markus Lanz als Ex-Escort in der Talkrunde saß, war Liebe. Die Reaktion kam sofort: Ein Job als Luxus-Escort könne niemals Liebe sein. Hinter diesem „niemals“ stand nicht nur ein Urteil über mich – sondern vor allem eine Definition von Liebe, die als selbstverständlich gesetzt wird.
An dieser Stelle beginnt die Philosophie. Philo-sophia bedeutet im Griechischen „Zuwendung zur Weisheit“. Und der Duden beschreibt Liebeskunst als (1) eine verfeinerte Art des Umgangs zwischen Liebenden und (2) sexuelle Praktik beziehungsweise Technik. Damit entsteht sofort eine Vorfrage: Wer gilt überhaupt als „liebend“, wenn nicht geklärt ist, was Liebe bedeutet?
Ohne Liebesbegriff gibt es keine Liebeskunst
Welche Fragen wir der Liebe stellen können – und was alles auf sie einwirkt – hängt davon ab, was Liebe in ihrem Kern ist. Diese Grundlage kläre ich im Artikel „Was ist Liebe?“.
Ich verwende Liebe in dieser Arbeit primär als Haltung – nicht als Stimmung. Eine Haltung kann jedoch nur gewählt und gehalten werden, wenn Bewusstsein vorhanden ist: die Fähigkeit, eigene Impulse, Ängste, Erwartungen und Machtmuster zu erkennen, statt sie unbemerkt auszuleben.
Ohne Bewusstsein wird Liebe zur Behauptung.
Nur mit Bewusstsein kann sie zur Kunst werden.
Meine Philosophie der Liebeskunst klärt deshalb Begriffe, prüft Annahmen und schaut nicht nur auf Gefühle und Verhalten, sondern auch auf das, was Liebe beeinflusst: Prägung, Beziehungsmuster, Freiheit, Abhängigkeit, Macht und kulturelle Strukturen. Denn Liebesleben findet nicht im luftleeren Raum statt.
Beispiel: Wie Strukturen Sexualität beeinflussen können
Auch gesellschaftliche Strukturen wirken auf Liebesleben und Sexualität ein. Studien und Auswertungen zur Lebensrealität in Ost- und Westdeutschland deuten darauf hin, dass Frauen in der DDR ihr Sexualleben teils als erfüllter beschrieben als Frauen in der alten Bundesrepublik. Die Frage ist nicht „wer hatte besseren Sex“, sondern: Welche Bedingungen fördern weibliche Lust und Beziehungssouveränität? (Zur Studie: Weshalb DDR-Frauen den besseren Sex hatten.)
Diese Seite ist für Menschen, die verstehen wollen, worüber sie sprechen, wenn sie „Liebe“ sagen – und welche Form von Liebe sie wählen.