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Was ist Liebe wirklich? Oder auch: Was ist die WAHRE Liebe? Die, die dich wirklich glücklich macht?
Die Liebe ist eines der meistgenutzten und zugleich unschärfsten Worte. Nicht nur Popkultur, Religion, Philosophie und Psychologie definieren Liebe jeweils anders. Vor allem Menschen tun dies in ihrem subjektiven Erleben. Besitzdenken, Eifersucht, Kontrolle und Selbstaufgabe fallen für viele Menschen unter den Begriff der Liebe. Und was ist Liebe im Sinne der Philosophie der Liebeskunst, über die ich hier schreibe?
Was ist Liebe im 21. Jahrhundert zwischen Romantik, Dating-Apps und Erwartungen
Überall wird der Begriff Liebe verwendet. Liebe ist zum Versprechen für Glück geworden. Liebe ist Synonym für Romantik. Wir betreiben Liebe als Me-Time und Selflove. Dating-Apps versprechen die große Liebe. Im Eheversprechen versucht man Liebe zu konservieren. Und auch bei Trennungsdramen, inklusive Affären und Seitensprüngen wird von Liebe gesprochen – sei es, um das Gefühl gegenüber der Affäre zu beschreiben oder den Schmerz am Betrogenen.
Zweifelsohne wird klar: Liebe ist ein dehnbarer Begriff. Und das ist bereits ein großes Problem: Menschen sprechen das Wort LIEBE aus und meinen unter Umständen das komplette Gegenteil davon, nämlich Angst. Beispiel: Die Angst, der Partner könnte sich trennen. Mit einer solchen „Liebe, die in Wahrheit Angst ist, gehen Erwartungen einher, oft auch Kontrolle, Enge und Misstrauen. Die meisten verstehen Liebe primär als Gefühl und verwechseln es dadurch leicht mit Angst, Bindungsstress oder Besitz.
Was ist Liebe im Griechischen
Im Griechischen finden sich verschiedene Wörter für Liebe. In modernen Darstellungen wird häufig mit Eros, Philia und Agape gearbeitet – wobei Agape in seiner heutigen Prägung besonders durch das Neue Testament bekannt wurde. Das ist eine sinnvolle Kurzform, weil sie Begehren, Verbundenheit und hingebungsvolles Wohlwollen klar voneinander trennt. Dabei bedeutet
- Eros die begehrende, körperlich-anziehende Liebe, die auf Vereinigung und Intensität zielt.
- Philia bezeichnet die freundschaftliche Liebe, die aus Vertrauen, Loyalität und gemeinsamer Verbundenheit entsteht.
- Agape meint die gebende, wohlwollende Liebe, die das Gute des anderen sucht, ohne primär Gegenleistung zu erwarten.
Im griechischen Sprachraum existieren jedoch weitere Begriffe, die das Spektrum präzisieren: - Storge beschreibt die gewachsene, vertraute Liebe innerhalb von Familie und nahen Bindungen.
- Philautia steht für Selbstliebe und meint – im reifen Sinne – ein gesundes Verhältnis zu sich selbst, das Würde und Maß kennt.
Zusammen zeigen diese Begriffe: Liebe ist nicht ein Gefühl, sondern ein Bündel unterschiedlicher Qualitäten, die sich im Leben und in Beziehungen mischen und entwickeln.
Was ist Liebe in der Bibel
Im Neuen Testament wird Liebe nicht primär als Gefühl beschrieben, sondern als Haltung und Praxis. Das zentrale Wort ist Agape – eine Form von Liebe, die sich im Handeln zeigt. Jesus verdichtet das in zwei Sätzen: Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten sind das „größte Gebot“ und der Maßstab, an dem alles andere hängt (Mt 22,37-40). Gleichzeitig verschärft er den Begriff: Liebe gilt nicht nur dem, der „es verdient“, sondern zeigt sich gerade dort, wo Widerstand, Kränkung oder Distanz ist. bis hin zur Aufforderung, Feinde zu lieben (Mt 5,44; Lk 6,27-36). In Jesu Worten ist Liebe deshalb kein romantisches Ideal, sondern eine Entscheidung, die Würde wahrt, Wahrheit sagt und den anderen nicht zum Objekt macht (Joh 13,34-35; Joh 15,12-13).
Der 1. Korintherbrief (besonders Kapitel 13) macht Liebe zur Qualitätsprüfung des gesamten religiösen und sozialen Lebens. Paulus stellt sie über Begabungen, Wissen, Status und Leistung:
Ohne Liebe sind selbst spektakuläre Fähigkeiten wertlos (1Kor 13,1-3). Dann beschreibt er Liebe in überprüfbaren Merkmalen: geduldig, gütig, nicht überheblich, nicht rechthaberisch, nicht nachtragend, nicht schadenfroh, sondern der Wahrheit zugewandt (1 Kor 13,4-7).
Am Ende setzt er eine klare Hierarchie: Glaube und Hoffnung bleiben wichtig, aber die Liebe ist größer – weil sie der tragfähige Kern jeder Beziehung und Gemeinschaft ist (1 Kor 13,13).
Was ist Liebe in „Die Kunst des Liebens“ nach Erich Fromm
Erich Fromm versteht Liebe in „Die Kunst des Liebens“ nicht als spontanes Gefühl, das „passiert“, sondern als Fähigkeit, die gelernt und geübt werden muss. Liebe ist für ihn eineaktive Kraft: Sie entsteht nicht durch das Finden des „richtigen“ Menschen, sondern durch die Entwicklung der eigenen Liebesfähigkeit. Reife Liebe bedeutet bei Fromm: Verbundenheit ohne Selbstverlust – zwei Menschen sind vereint und bleiben dennoch eigenständige Personen.
Diese reife Liebe erkennt man an vier Merkmalen: Fürsorge, Verantwortung, Achtung/Respekt und Erkenntnis (den anderen wirklich sehen, nicht benutzen). Fromm kritisiert, dass moderne Beziehungen oft nach Marktlogik funktionieren (Angebot, Nachfrage, Match), wodurch Liebe leicht zur Tauschbeziehung wird.
Deshalb betont er: Liebe braucht Disziplin, Konzentration, Geduld und ein inneres Fundament – sonst bleibt sie Verliebtheit, Projektion oder Besitzdenken.
Was ist Liebe in der Literatur bei Goethe
Goethes Gedicht Gefunden („Ich ging im Walde so für mich hin…“) erzählt eine kleine Szene, die wie ein Liebesmodell funktioniert: Das lyrische Ich sieht ein Blümchen, will es pflücken – und stellt sich im selben Moment die Frage, ob er es damit zum Welken verurteilt. Statt es einfach auszureissen, entscheidet er sich für Fürsorge:
Er gräbt es „mit allen den Würzlein“ aus, trägt es nach Hause und pflanzt es in den Garten, damit es weiter blühen und wachsen kann. Der Kern ist schlicht: Liebe zeigt sich nicht im Impuls, etwas zu haben – auch auf die Gefahr hin, es damit zu zerstören, sondern in der Fähigkeit, das Lebendige im anderen zu erhalten und zu fördern.
Was ist Liebe im Sinne der LIEBESKUNST von Vanessa Eden
Doch welche von diesen vielen Lieben ist es jetzt, um die es bei mir geht? Welche Liebe hat mich gerettet? Welche Liebe erfüllt mich im Innersten, lässt mich strahlen und entspannt mein Nervensystem nachhaltig?
Es ist die Liebe als Haltung, nicht als Stimmung und nicht als Besitzanspruch. Liebe, die heilt, ist eine Entscheidung, dem anderen in Würde zu begegnen, ohne ihn zu kontrollieren oder sich selbst dafür aufzugeben. Diese Liebe zeigt sich daran, dass sie das Lebendige im anderen und auch in sich selbst erhält – nicht daran, dass sie möglichst intensiv ist. Lebendigkeit ist nicht zwingend laut. Lebendigkeit ist tief.
Diese Liebe zeigt sich im täglichen Leben vor allem in innerem Frieden, Freude, Begeisterung und Dankbarkeit.
Diese Liebe ist wahrhaftig: Sie sagt die Wahrheit, statt falsche Harmonie zu spielen. Deshalb ersetzt sie Angst nicht durch Anpassung.
Diese Liebe ist eine Fähigkeit, die geübt werden darf, weshalb sie eine Kunst ist: Die Kunst der Fürsorge, Verantwortung, Respekt und echtes Erkennen des anderen – und sich selbst.
Dort, wo „Liebe“ zur Angst wird – Eifersucht, Misstrauen, Enge – ist nicht „zu viel Liebe“ , wie manche meinen, sondern ein anderes Motiv am Werk. LIEBESKUNST ist Meisterschaft, um so zu leben, dass innerer Frieden, Freiheit, Wahrheit und Verbundenheit gleichzeitig möglich sind.
GEFUNDEN
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.Im Schatten sah ich
Ein Blümchen steht,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein so schön.Ich wollt es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?Ich grub’s mit allen
Den Würzlein aus.
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Johann Wolfgang von Goethe schrieb dieses Gedicht am 26. August 1813 und schickte es noch am selben Tag in einem Brief an Christiane.