Mein Mann kann meinen Schmerz nicht fühlen

Mein Mann kann meinen Schmerz nicht fühlen und das ist gut so.

In den letzten Tagen schlagen die Wellen hoch. Ganz Deutschland spricht auf Grund des Spiegel Artikels von Collien Fernandes über Gewalt an Frauen. Natürlich wird das auch in den Gesprächen zwischen meinem Mann und mir Thema. Und ja, da kommen Erinnerungen hoch.

Ich erzähle also so vor mich hin und mein Mann antwortet in einer Weise, die selbst mich noch erstaunt:

kindlich, unberührt, naiv – so kommt es bei mir an.

Für einen kurzen Moment bin ich still und staune. Krass. Kann er das wirklich in keinster Weise fühlen, verstehen, nachvollziehen?

Ich frage ihn: „Kannst Du das wirklich denn kein bisschen nachvollziehen, wie sich das anfühlt?“

Und er sagt trocken: „Nein. Kann ich nicht.“

Und wieder wird es still. Ich schaue ihn an und denke mir:

Stimmt. Es ist einfach krass. Er hat wirklich nie irgendeinen Mist erlebt. Er hatte eine Bilderbuch-Kindheit. Er ist mit großer Freiheit auf dem Land aufgewachsen. Die Eltern waren durch das eigene Geschäft im Haus IMMER da.

Die Eltern waren so sehr immer da, dass er immer unterwegs sein konnte, weil er wusste, dass sie zu Hause auf ihn „warten“.

Gewalt oder Übergriffe gab es nicht. Weder für ihn, noch für seine Geschwister oder die Mutter. Und auch finanziell ging es der Familie soweit gut. Die Eltern waren talentierte Geschäftsleute.

Seine kindliche und jugendliche Energie kanalisierte er über viel Bewegung und Sport. Wenn er erzählt, fällt oft dieser Satz: „Wir waren immer draußen. Alle Kinder im Dorf waren zusammen draußen und haben gespielt. Heute sieht man niemanden mehr. Aber wir waren immer draußen.“

So. Und dann komm ich daher mit meiner Geschichte und meinem Lebensweg. *lach*

In unserem Gespräch sehe ich: Er kennt diese Welten, in denen Übergriffe passieren, einfach nicht.

Dennoch hake ich noch einmal nach: „Ok, lassen wir körperliche Gewalt einmal beiseite. Sie ist ja nur ein Ausdruck von Übergriffigkeit. Es gibt ja andere Formen von Übergriffen und Machtausübung. Beispielsweise im beruflichen Umfeld. Das hast Du ja schon erlebt. Du kennst Situationen, in denen sich Vorgesetzte über dich erhöhten oder dies zumindest versuchten. Wie war das für dich?“

Er denkt nach und führt aus: „Ja, damals noch bei Firma XYZ und dem ZZZ. Damals war ich aber noch in einer ganz anderen Situation und Position. Ich hatte Familie, das Haus war noch abzubezahlen und ich war quasi abhängig.“

Ich daraufhin: „Naja, genau darum geht es doch aber. Übergriffe haben ja meist diese Konstellation. Schutzbedürftige, Abhängige oder gefühlte Abhängigkeiten. Wie ging es dir damit? Wie bist Du damit umgegangen?“

Er: „Damals stand ich noch ganz woanders. Vor allem auch in meiner Persönlichkeit. Heute traut sich das niemand mehr.“

Ich hake noch einmal nach: „Ja, aber damals. Wie hat sich das für dich angefühlt?“ Ich spüre, dass er nicht in diese Welt zurück möchte. Auch nicht gedanklich.

Er sagt: „Na, beschissen.“

Und ich spüre, wie übergriffig es wäre, jetzt noch weiter nachzubohren. Ich will in ihm kein schlechtes Gefühl auslösen. Vielmehr möchte ich Empathie und Verständnis aus ihm herauslocken. Es ist nicht immer so einfach und klar wie wir uns das wünschen. Dennoch legt er noch einmal nach:

„Ich bin mir sicher, dass, wenn diese Szenarien in deiner Gedankenwelt nicht vorkommen, können diese Dinge gar nicht passieren oder stattfinden. Damals war das noch Teil meiner Gedankenwelt: Hierarchien, schwache Führungspersönlichkeiten und ich war jung und dachte, da musst Du eben durch, wenn Du nach oben kommen willst.“

Ich spüre, wie dieser Blick zurück nicht dient. Ja, vielleicht für ein wenig Empathie und Verständnis. Doch ist der Schaden, den ich im anderen dadurch anrichte, vielleicht größer?

Ich antworte ihm: „Ich glaube, ich möchte gar nicht, dass Du eintauchst – auch wenn es nur gedanklich ist – in diese Untiefen des Menschseins.“

Und ich erkenne:

Ich möchte ihm seine schöne heile Welt nicht zerstören durch eine kranke Art der Realität, wie sie derzeit noch unter Menschen existiert. Und niemals würde ich ihm sagen wollen: Weil Du ein Mann bist, bist Du Teil des Problems.

Niemals käme mir ihm gegenüber dieser Satz über die Lippen – auch nicht in Gedanken.

Marianne Williamson beschreibt es so:

Nur die Liebe ist wirklich. Alles andere ist Illusion. Wenn Menschen sich lieblos verhalten, haben sie vergessen, wer sie sind. Der Mensch lebt durch seine ständige Angst und die Übergriffe, die daraus erwachsen, in einer ILLUSION.

Der Mensch lebt durch seine Angst in seiner selbst geschaffenen Matrix.

So habe ich nach unserem Gespräch beschlossen, einfach teilzuhaben an seiner schönen heilen Welt und ihn nicht in diese alte Welt zu ziehen.

Es ist ein Geschenk!

Manche Menschen glauben, der Partner müsse einen in allem verstehen und mitfühlen. Das glaube ich nach diesem Gespräch nicht mehr.

Viel wichtiger ist es, uns SEIN zu lassen. Uns mit allem so annehmen zu können, wie wir sind.

So oft wurde ich schon gefragt:

Wie kommt eigentlich dein Mann mit deiner Vergangenheit klar?

Genau so! Sein Herz ist unbelastet. Er sieht einfach mich – ohne irgendwelche Zuschreibungen aus einer Vergangenheit.

Mein Mann kann meinen Schmerz nicht fühlen – und das ist gut so.
Mein Mann will meinen Schmerz nicht fühlen – und das ist ok so.

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