Wie ist das eigentlich? Er hat Lust. Sie nicht. (Achtung Klischee) Sie macht es ihm deshalb mit der Hand.
Ja, das klingt jetzt sehr platt und kalt. Lass es mich anders formulieren: Er hat Lust. Sie nicht. Sie entscheidet sich daraufhin, ihn mit der Hand zu verwöhnen. Das klingt besser, richtig?
Ist die Situation eine andere, wenn er danach fragt?
Und wie komme ich jetzt überhaupt auf dieses Thema? Naja… mal wieder begegnet es mir auf Social Media: Frauen empören sich darüber, wie er nur auf die Idee kommen kann, dass sie es ihm mit der Hand macht, wenn sie gerade keine Lust auf mehr hat. Die Argumente sind weitestgehend….
- Hat er selbst zwei Hände und
- schmiert er sich sein Brot ja auch selbst, wenn er Hunger hat.
Ich mache eine Umfrage in meiner Story. Ich frage nach: Er hat Lust. Du nicht. Machst Du es ihm mit der Hand? Und auch hier zeichnet sich ein Bild: NEIN ist die meist geklickte Antwort.
Ok. Ich denke nach. Ich frage meinen Mann, erzähle ihm von der Situation und werfe ihm schließlich vor:
„Du hast schließlich selbst zwei gesunde Hände.“ Er entgegnet mir: „Stimmt, Du aber auch.“
Wir lachen herzhaft.
Und das ist überhaupt das Allerwichtigste, dass wir über diese Dinge nicht nur entspannt reden, sondern auch lachen können.
Er führt weiter aus: „Ich würde dich nie danach fragen, ob Du das tust.“
Und das stimmt. Er hat mich wirklich noch nie danach gefragt, fällt mir gerade auf. Aber warum eigentlich nicht? Ich frage ihn fast jeden Abend danach, ob er mir die Haare bürstet. Und dazu hat er auch nicht immer Lust. Aber er tut es mir zuliebe.
Kann man das überhaupt vergleichen? Haare bürsten und Handjob?
Ich sage ihm, dass ich das schade finde, dass er diesbezüglich seinen Wunsch nicht öfter äußert. Er meint, dass ich ja oft genug auf ihn zukomme und es von mir aus anbiete. Das würde sich für ihn besser anfühlen. Ok. Dennoch: Ich sage ihm: „Aber ehrlich, ob ich dir jetzt die Füße massiere, oder deinen Schwanz… ich tue das mit gleicher Hingabe. Und es macht für mich keinen Unterschied.“
Er staunt. Führen wir dieses Gespräch echt jetzt erst? Aber anscheinend hatten wir bislang nie Anlass dazu. Ok. Es geht weiter:
„Du weisst doch, dass das genau die Haltung auch von Tantra ist. Wenn ich dich massiere, geht es gerade nicht um meine Lust. Es geht in diesem Moment um dich und ich schenke dir diese Massage. Und es ist gerade der ganzheitliche Ansatz – die Geschlechtsregion eben nicht außen vor zu lassen. Und es ist doch etwas völlig anderes für dich, ob Du eine Intimmassage von mir bekommst, oder ob ich dir nur die Füße massiere, richtig?“ Er nickt und bejaht sehr bekräftigend. Ich führe weiter aus:
„Es ist für mich auch entlastend, weil es dann nicht nur 0 oder 1 gibt. Entweder haben beide Lust, dann haben wir Sex. Oder einer hat keine Lust, dann passiert nichts. Das ist doch blöd. Gerade dafür gibt es doch diese Zwischentöne. Und vor allem ist es für dich etwas völlig anderes, ob Du danach zum Orgasmus kommst oder ob ich dir deine Füße massiere, oder?“ Er nickt wieder und bejaht sehr kräftig.
Dazu muss ich erwähnen: Meinen Mann auf diese Weise zu verwöhnen ist auch für mich purer Genuss – ohne dass ich dafür heiss sein muss. Und ich werde es auch nicht. Es ist ein reines Geben, es ist ein Geschenk. Es ist ein besonderes Erlebnis, wenn der Mann sich zu 100% in die Hände seiner Frau begibt und sich einfach fallen lassen kann.
Ich habe es an anderer Stelle schon einmal beschrieben, wie nicht selten Männer den Tränen nahe sind nach einer hingebungsvollen Tantramassage. Aber verstehe mich an der Stelle nicht falsch. In diesem Beispiel geht es mir gerade nicht um das gesamte Zeremoniell einer Tantramassage. Aber es geht um die Haltung, die immer Voraussetzung ist: Dem anderen gerne zu geben. Den Tempel der Seele zu verwöhnen. Ihm etwas zu schenken.
Es ist für mich als Frau entspannend, den Menschen, der mit mir sein Leben teilt, auch auf körperlicher Ebene zu verwöhnen – ohne dass ich selbst auf das gleiche Lustniveau kommen muss. Möglicherweise liegt es daran, dass wir eine respektvolle und liebevolle Ehe führen. Ok, aber genau deshalb ist er ja mein Ehemann. Hinzufügen muss ich der Fairness halber, dass diese Art der Hingabe für mich nicht möglich war, als ich ihn bzw. unsere Ehe in Frage stellte.
Vielleicht liegt genau hier der blinde Fleck: Viele Menschen kennen sexuelle Begegnung nur in zwei Formen – als gemeinsame Lust oder Pflicht. Entweder müssen beide „etwas“ davon haben oder gefälligst keiner! Was dazwischen liegt, ist fast verschwunden oder war nie da.
Dabei gibt es einen Raum freier Zuwendung, in dem nichts abgearbeitet wird und niemand sich benutzt fühlen muss. Nicht Pflicht ist das Entscheidende, sondern unsere bewusste Wahl der Gestaltung. Die bewusste Wahl, dem anderen zu schenken.