Mein Mann ist zu lieb und kein echter Mann

6. Januar 2026

By Vanessa Eden

Wann ist der Mann ein Mann?

Das fragte sich schon Herbert Grönemeyer. Es ist also eine ganze Weile her, dass die Frage nach der wahren Männlichkeit gestellt wurde. Bis heute hat sich diese Frage nicht beantwortet. Männer sind verwirrt. Nicht unschuldig daran sind die unzähligen Mythen, die im Internet über „männliche Energie“ kreisen. Die Wahrheit ist, sie können richtig Schaden in Beziehungen anrichten:

Ich habe ein Problem: Mein Mann ist zu lieb und deshalb ist er kein richtiger Mann. Er führt nicht dominant und er liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Er wechselt in der Baustelle auf die rechte Spur (Shit-Test!!) und auch sonst, haut er nicht mit der Faust auf den Tisch. Im Gegenteil: Er nimmt Rücksicht, ruft zurück, achtet auf mich – und überrascht mich regelmäßig.

Immer wieder ist zu lesen, ein echter Mann sollte Führung beherrschen. Nur dann würde sich eine Frau an seiner Seite sicher fühlen. Führung wird gleichgesetzt mit Durchsetzungsvermögen, Klarheit und Konsistenz. Und es ist nicht so, dass dies nicht in der Tat Qualitäten sein können – je nach Kontext. Es stellt sich allerdings trotzdem die Frage, ob ein Mann, der weniger dieser Qualitäten besitzt, deshalb kein richtiger Mann ist.

Männer berichten mir von Dates oder kurzen Beziehungen, in denen sie spüren, dass von ihnen mehr Durchsetzung erwartet wird: mehr bestehen, mehr „führen“, mehr Druck. Die Botschaft ist klar: Er soll sich stärker durchsetzen, damit sie sich anpassen kann. Diese Erwartung entsteht nicht selten aus einem stark traditionellen, teils christlich-fundamentalistischen Rollenverständnis – und sie wird heute zusätzlich von der Coaching-Szene massiv verstärkt, indem dieses Narrativ als Psychologie verkauft wird.

Für viele Männer ist das verwirrend, weil es nicht um sie als Mensch geht, sondern um ein Idealbild. Und genau damit beginnt das Problem: Der reale Mensch wird nicht gesehen, sondern bewertet.

Wie ich meinen Mann gewählt habe

Als ich damals 2015 auf einer einsamen Berghütte alleine Urlaub machte und in mein Tagebuch schrieb, wie ich mir meinen zukünftigen Partner vorstelle, stand dort Folgendes:

Ich wünsche mir einen liebevollen, freiheitsliebenden, sportlichen, naturverbundenen und gesunden Mann. Er soll ganz viel Liebe in sich tragen. Selbstliebe. Ich möchte einen Mann, der mit sich alleine gut klar kommt und der mich nicht braucht. Ich wünsche mir einen Mann, mit dem ich die Natur genießen kann und der die Natur liebt und schätzt. Ich möchte einen gesunden Mann, der auf seinen Körper achtet, der nicht trinkt, nicht raucht und sonst keine destruktiven Verhaltensweisen an den Tag legt. Ich möchte einen Mann, der bewusst und achtsam durchs Leben geht und so einiges bereits verstanden hat.

Und ja, ich verstehe, wenn beim Lesen nun Veto kommt. Das sind ganz schön viele Ansprüche und es klingt auch gar nicht nach Erwartungslosigkeit. Doch diese Eigenschaften waren für mich ein Minimum, um mich überhaupt wieder auf einen Mann einlassen zu wollen.

Ca. 4 Wochen nach diesem Tagebucheintrag war ich zum Date mit meinem heutigen Ehemann verabredet. Und ja, ich wählte den Ort für das erste Date und für das zweite Date. Danach sprachen wir uns eher ab. Da war also nix mit: Der Mann führt und zeigt mir, wo es lang geht. Was aber noch viel wichtiger ist: Vor mir stand der Mann aus meinem Tagebucheintrag. Ein Mann mit unendlich viel Liebe im Herzen – für Menschen, für Tiere und Natur.

Der Mann ist nur dann ein echter Mann, wenn er führt

Zum Glück hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt bereits eine große Entwicklungsreise hinter mir. Ich wusste sehr genau, was ich wollte. Ich ließ mich von Liebe leiten und konnte gut mit mir alleine sein.

Keinesfalls konnte ich einen Macho gebrauchen, der glaubt, er müsse seiner Partnerin zeigen, wo der Hammer hängt. Nichts hätte mich mehr abturnen können als dieses Getue.

Doch würde ich den Unkenrufen glauben, wäre mein Mann kein richtiger Mann. Denn: Er geht auf mich ein. Er stimmt sich mit mir ab. Er hat ein echtes Interesse daran, dass ich mich wohlfühle. Er kann nicht streiten – vor allem aber will er nicht streiten. Und ja: Was in diesem Kontext ebenfalls ausfällt, wäre eine Fantasie, ihm eine Peitsche in die Hand zu drücken, damit er mit mir „50 Shades of Grey“ nachspielt. (Kicks dieser Art habe ich schon lange losgelassen – dazu ein anderes Mal mehr.)

Ist ein liebevoller Mann nicht langweilig? Mehr Bad Guy bitte!

Ich würde lügen, würde ich verschweigen, dass es nach einer gewissen Zeit auch Zweifel in mir gab. Es kam eine Phase, in der ich mir einen aktiveren, klareren – ja, auch dominanteren – Mann wünschte.

Und gleichzeitig war es so, dass ich, wenn seinerseits mehr Aktivität kam, sie abblockte. Aus unterschiedlichen Gründen. Meist war ich zu beschäftigt oder zu müde.

In Beziehungen passieren manchmal komische Dinge. Wir nehmen angenehme Eigenschaften beim anderen als selbstverständlich wahr – und beginnen, Eigenschaften zu vermissen, die er nie hatte. Der Mann, der uns von Beginn an auf Händen trägt, der uns sagt, wie schön er uns findet, der auch noch nach Jahren verliebt ist: Von dem hätten wir gerne plötzlich wieder ein bisschen „Bad Guy“-Feeling.

Pick-up- und Red-Pill-Kreise beschreiben dieses Phänomen als „Nice Guy“ und „Bad Guy“.

Am Ende, so lautet diese Erzählung, gründet die Frau mit dem Nice Guy Familie – mit dem Bad Guy geht sie eine Affäre ein. Frauen würden angeblich insgeheim nach dem Bad Guy suchen, nach dem starken Führer, nach dem Unerreichbaren. Und erst dann wären Frauen auch sexuell „mehr bereit“. Die Wahrheit ist: Frauen wählen den anständigen, selbstsicheren, charmanten Mann vor dem Rüpel – auch, wenn es um One-Night-Stands geht. Nachzulesen in der Studie von Urbaniak/Killmann: Das Nice Guy Paradox.

Das Ergebnis solcher Erzählungen ist in der Praxis simpel: Frauen werden auf Erwartungen getrimmt, Männer auf Performance.

„Männliche und weibliche Energie“ wird dabei als unwiderlegbares Gesetz in den Raum geworfen – für dauerhafte sexuelle Anziehungskraft und für Liebe. Und das könnte paradoxer nicht sein.

Liebe ist Akzeptanz + Erwartungslosigkeit

Die Liebe, die ich in „Was ist Liebe“ beschrieben habe, ist eine Haltung. Und diese Haltung drückt sich vor allem durch Akzeptanz und Erwartungslosigkeit aus.

Ja: Erwartungslosigkeit.

Natürlich ist eine Beziehung nicht erwartungslos, denn ein Zusammenleben besteht auch aus Absprachen und Organisation. Aber die Liebe ist erwartungslos.

Liebe bedeutet, den anderen in seiner ganzen Größe, Schönheit und Kraft zu sehen – und nicht (wie es so häufig passiert) an ihm herumzunörgeln und ihm ständig zu sagen, was an ihm nicht stimmig sei.

Würde ich meinem Mann vorwerfen, er würde zu wenig führen und sich zu wenig durchsetzen, kritisiere ich nicht einfach nur eine Verhaltensweise. Ich kritisiere sein tiefes Naturell. Seinen Charakter. Seine Persönlichkeit. Sein Innerstes. Und damit in Wahrheit auch genau das, weshalb ich mich eines Tages für ihn entschieden hatte. Nicht nur entschieden – sondern: was mich an ihm begeistert und weshalb ich mich in seiner Nähe sofort wohlgefühlt habe.

Der Preis: Frauen verlieren den Blick für den echten Mann vor ihnen

Ich erlebte es im unmittelbaren Umfeld. Da ging er also diese Beziehung zu dieser Frau ein und bereits nach wenigen Wochen, erklärte sie ihm, was an ihm alles fehlen würde und weshalb er für sie kein richtiger Mann sei.

Konkret: Beide wollten sich einen gemütlichen TV-Abend machen und sich Essen liefern lassen. Es war ihm egal, ob er Nudeln oder Pizza bestellt. Er mag beides. Was den Film anging, so war es ihm egal, ob sie einen Krimi, eine Komödie oder eine Romanze ansehen. Sein oberstes Ziel war sowieso, mit ihr zusammen zu sein und die Zeit mit ihr zu genießen. Doch sie hatte ihr Skript im Kopf, wie ein echter Mann zu sein hat. Das hatte sie schon überall gelesen.

Liebevolle Männer sind nicht das Problem. Bewertungsmythen sind das Problem.

Und sie meinte das nicht einmal böse. Sie war sogar überzeugt, dass sie ihm damit helfe. Sie glaubte an ein Bild davon, wie ein Mann zu sein hat: mehr Durchsetzung, mehr Dominanz, mehr Führung, mehr „männliche Energie“. Und er? Er war ein liebevoller, ruhiger Mann. Konfliktscheu, ja. Aber aufmerksam, loyal, zuverlässig.

Das Problem war nicht, dass er „zu lieb“ war.
Das Problem war, dass sie ihn nicht mehr als ganzen Menschen sah, sondern als Projektionsfläche für ein Internet-Ideal.

Und genau hier ist der Preis dieser Inhalte: Frauen verlieren den Blick für den realen Mann vor ihnen und beginnen, ihn gegen eine Fantasie zu tauschen. Gegen ein Rollenmodell, das so klingt, als wäre es Psychologie – aber in Wahrheit ist es ein normiertes Drehbuch.

Diese Drehbücher sagen Frauen:

  • Wenn er nachgibt, ist er schwach.
  • Wenn er kooperiert, ist er nicht männlich genug.
  • Wenn er Frieden will, kann er keine Familie führen.

Und nebenbei wird Frauen eingeredet, sie müssten sich „endlich mal wieder fallen lassen“ – aber nur bei einem Mann, der sie in eine Rolle drückt, die sie selbst oft gar nicht leben wollen.

So entsteht etwas Absurdes:
Frauen wollen Liebe, Verlässlichkeit und Annahme – und werden gleichzeitig darauf konditioniert, genau diese Eigenschaften geringzuschätzen, sobald es um sexuelle Anziehung geht.

Das ist kein Fortschritt. Das ist Verwirrung.

Wann ist der Mann ein echter Mann?

Wenn Frauen beginnen, Männer nach solchen Kriterien zu bewerten, reagieren Männer. Männer, die glauben, sich beweisen zu müssen, spielen mit.

Sie werden härter. Unzugänglicher. Dominanter.
Nicht, weil das ihr Charakter ist, sondern weil sie glauben, sie müssten so sein, um begehrenswert zu wirken.

Und genau damit sind wir wieder beim Thema des vorherigen Artikels: Beziehung wird zur Prüfung, Nähe wird zur Strategie, und die eigentliche Frage – „Sehe ich diesen Menschen wirklich?“ – verschwindet.

Ein Mann ist dann ein Mann, wenn er Verantwortung trägt, verlässlich ist und in Wahrheit bleibt – nicht, wenn er Situationen dominiert.

Die falsche Frage: Ist der Mann genug?

Die Frage „Ist er Mann genug?“ ist keine Liebesfrage.
Es ist eine Bewertungsfrage. Eine Statusfrage. Eine Rollenfrage.

Sie führt fast immer in die falsche Richtung, weil sie nicht den Menschen meint, sondern ein Idealbild.

Die bessere Frage ist nicht, ob dein Mann „genug Mann“ ist.
Die bessere Frage ist: Bin ich in der Lage, ihn so zu lieben, wie er ist?

Eine weitere legitime Frage ist: Passt sein Charakter zu meinem Leben?

Wenn diese Fragen ehrlich beantwortet sind, ist die Diskussion über „männliche Energie“ erledigt.

Konfliktscheue kann ein Problem in Beziehungen sein

Ich beschönige nicht: Konfliktscheu kann in der Tat in einer Beziehung anstrengend werden.
Nicht, weil ein Mann dann „unmännlich“ ist, sondern weil Konfliktscheu oft bedeutet: Dinge werden nicht ausgesprochen. Entscheidungen werden vertagt. Grenzen werden nicht benannt. Wahrheit wird vermieden.

Aber auch hier gilt: Du löst das nicht, indem du ihn zu einem anderen Mann erziehst.

Die Wahrheit ist: Hinter Konfliktscheu steckt oft Angst. Die Angst vor Ablehnung und Abwertung. Diese Menschen gehen nicht auf Angriff oder werden aggressiv. Sie ziehen sich lieber zurück und machen Dinge mit sich selbst aus. Einer solchen Verhaltensweise kann man mit Liebe begegnen.

Du löst es nur, indem du sauber unterscheidest:

  • Will ich eine Verhaltensänderung in konkreten Situationen?
    (z.B. „Sprich mit mir, wenn dich etwas stört.“)
  • Oder will ich seinen Charakter umformen?
    (z.B. „Werde dominanter, werde härter, werde anders.“)

Das Erste ist Beziehungskultur.
Das Zweite ist Kontrolle – und damit selbst Angst.

Spannend, nicht wahr?!

All diese tollen RatSCHLÄGE antworten auf Angst mit Angst. Hoffen dann aber, dass aus einem solchen Konstrukt eine liebevolle, langanhaltende und sexuell begehrenswerte Beziehung entsteht.

Puh – da raucht sogar mir der Kopf.

Was die Liebeskunst dazu sagt

LIEBESKUNST ist nicht die Kunst, sich einen Menschen zu bauen.
LIEBESKUNST ist die Kunst, einen Menschen zu sehen – und zu wählen.

Wenn du einen liebevollen Mann willst, dann ehre seine Liebe.
Wenn du einen dominanten Mann willst, dann wähle ihn – aber beschwere dich nicht später darüber, dass er dominant ist, nicht auf dich eingeht, emotional nicht verfügbar ist, etc. pp.

Und wenn du merkst, dass das, was du brauchst, und das, was er ist, nicht zusammenpasst, dann ist die ehrliche Lösung nicht „ihn optimieren“.
Die ehrliche Lösung ist: deine Wahl zu prüfen.

Liebe als Haltung ist Akzeptanz.
Beziehung ist Entscheidung.
Und beides verlangt Wahrhaftigkeit.

Wundervoll, mein Mann ist ein echter Mann!

Wenn ich den Mythen glauben würde, wäre mein Mann „zu lieb“.
In Wahrheit ist seine Liebe einer der Gründe, warum ich mich damals für ihn entschieden habe.

Wer Liebe will, sollte aufhören, Liebe mit Schwäche zu verwechseln.
Und wer Beziehung will, sollte aufhören, Menschen nach Internet-Idealen zu bewerten.

Denn das Ergebnis ist sonst immer gleich:
Du verlierst den Blick für den echten Menschen – und verwechselst Drama mit Anziehung.

Schreibe einen Kommentar

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.