Der Begriff Shit Test ist gerade überall. Er behauptet: Frauen testen Männer heimlich – und Männer müssen bestehen. Hier ist, warum diese Erzählung so gut verkauft und warum sie Beziehungen beschädigt:
Inhalt
Da fährt dieses Paar also auf der Autobahn durch eine lange Baustelle und es ist eng. Sie zu ihm: „Fahr doch rechts.“ Er ist vorher links gefahren. Doch Achtung! Das ist ein Test von ihr! Bedeutet das, dass Du gleich rechts fahren sollst? Auf keinen Fall!! Es ist nämlich egal, wo es schneller geht oder wo die Baustelle ist. Das Einzige, was die Frau von dir fühlen möchte, ist deine Sicherheit. Und die musst Du auch zeigen. Und wenn sie sagt: „fahr rechts“, dann fährst Du links, und sagst: „Neee, Punkt.“ Das ist Evolutionspsychologie. Frauen checken, ob Männer die Familie führen können. Wenn er weiß, was er will, kann sie sich anlehnen.
Dies ist ein Text aus einem Vortrag eines Anbieters für Männercoaching und hier Auftakt einer neuen Kategorie: Ausgezogen – Mythen über Liebe und Beziehung
Ich bewege mich mit LIEBESKUNST zwangsläufig in einem Themenfeld, das auf Instagram (und im gesamten Coaching-Ökosystem) stark umkämpft ist: Männer/Frauen, Dating, Beziehung, Sexualität, „Energie“, „Führung“, „Mutterwunde“, „Vaterwunde“, „Higher Self“, „weiblich/männlich“ etc. etc..
Dabei wird mir immer wieder Content ausgespielt, der nach Klarheit klingt, aber in der Praxis vor allem eines produziert: Ängste, Misstrauen und Abhängigkeit.
Diese Kategorie ist dafür da, Mythen aufzudecken und Mechaniken sichtbar zu machen, um zu wahrhaftigen Lösungen beizutragen, die langfristig tragen und dienen.
Der Shit Test
Was Du in der Einführung lesen konntest, ist der sogenannte Shit Test. Dieser Begriff hat sich etabliert für den angeblichen Mechanismus, Frauen würden Männer perfide testen, um ungeeignete Typen „herauszufiltern“. Und dies ist nichts, was sie nur in der Dating-Phase tun, sondern immer und immer wieder. Frauen hören also lt. mancher Coaches nie auf, Männer auf ihre Fähigkeiten hin zu testen.
In einem Artikel zu diesem Thema wird unter anderem Folgendes behauptet:
- Frauen seien „trotz Emanzipation“ das „schwache Geschlecht“ und suchten einen starken Mann, der sie „beschützt wie Superman“.
- Diese „Tests“ seien psychologische Stolperfallen, die Männer unter Stress setzen, um herauszufinden, ob sie stark sind.
- Männer müssten diese Tests „dringend bestehen“ und dürften keine Unsicherheit zeigen, sonst verlieren sie die Frau.
- Diese Tests hören auch angeblich NIE auf – sogar in Beziehungen oder nach Trennung geht es weiter.
- „Shit Tests“ seien ein positives Zeichen und gehörten als Spiel zum Flirten.
- Es werden im Anschluss konkrete Reaktion-Techniken empfohlen (Ignorieren, Humor, Necken, Ironie).
Dieses Beispiel ist kein Ausreißer, sondern ein Vorzeigemuster in der Coachingszene.
Warum solche Inhalte Klicks generieren
Solche Texte und Reels liefern fünf Dinge, die besonders auf Social Media extrem gut ziehen:
- Eindeutigkeit statt Ambivalenz
Beziehung ist komplex. Ein Modell, das alles zu „Test“ und „Bestehen“ macht, reduziert Komplexität sofort. - Rolle statt Reife
Der Inhalt verkauft nicht primär Beziehungskompetenz oder echtes Selbstwertgefühl und damit innere Stärke, sondern ein Rollenbild von einem „starken Mann“, der sich „nicht verunsichern lässt“ und „die Tests der Frauen besteht“. - Kontrollgefühl
Wer glaubt, er hat das Spiel durchschaut, fühlt sich weniger ausgeliefert und damit verunsichert. Ein Skript wirkt beruhigend – auch wenn es nicht wahr ist. - Immunisierung gegen Kritik
Klappt es: „Beweis“.
Klappt es nicht: „Du warst nicht stark genug/hast den Test nicht bestanden“. - Monetarisierbarkeit
Eine schnelle Lösung für einen tiefen Schmerz lässt sich immer gut zu Geld machen. Allen voran im Bereich des Life Coachings, wenn Mentoren, im familiären Umfeld fehlen. Wenn dazu noch Flirt und Beziehung als fortlaufende Prüfung beschrieben wird („Tests hören nie auf“), entsteht zugleich automatisch ein Markt für wiederkehrende Kundschaft. Denn das wahre Problem an dieser Situation wird nie gelöst.
Was an solchen Erzählungen und Inhalten problematisch ist
Kurzum: Erstens sähen sie Zwietracht statt Eintracht, zweitens führen sie dadurch Konsumenten auf einen völlig falschen, destruktiven Weg und drittens: Sie lösen nie die wahre Ursache hinter Konflikten und lassen ihre Klienten/Kunden/Bezahler immer in der Schwebe – sie kommen nie zur Lösung. In diesem Beispiel von ganz oben ist es sogar so, dass Konflikt erst herbeigeführt wird, wo gar keiner hätte aufkommen müssen!
Wenn ich Inhalte dieser Art lese, weiss ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Es ist in der Tat fast amüsant, sich vorzustellen, wie vermeintlich erwachsene Männer so einen ausgemachten Unsinn glauben können und dies bei der Frau neben ihnen anwenden. Gleichzeitig ereilt mich tiefes Mitgefühl, wie sehr manche Männer doch verzweifelt sein müssen im Umgang mit (nicht immer einfachen) Frauen, dass sie sich in solche Programme und sog. Coachings ziehen lassen.
Warum Menschen sich Gurus zuwenden
Viele Coaches dieser Art erhalten einen regelrechten Guru-Status unter ihren Anhängern. Sie sind deutlich in ihren Aussagen und formulieren sie oft wie ein Gesetz. Manchmal verwenden sie dafür Begriffe wie „wissenschaftlich“, um Autorität vorzuspiegeln. Viele halten Guru-Anhängerschaft für ein Intelligenz-Problem. Ich halte es für ein Orientierungsproblem.
Beziehung, Sexualität, Selbstwert, Geld, Körper, Sinn – das sind Bereiche, in denen Menschen Unsicherheit erleben. Und Unsicherheit ist anstrengend. Ein Guru ist in erster Linie nicht „Wissen“. Ein Guru ist Entlastung.
Er liefert klare Sätze statt Ambivalenz. Er gibt Regeln statt Fragen. Er macht aus Chaos eine Geschichte.
Das wirkt aus mehreren Gründen:
- Eindeutigkeit beruhigt
Wer einen absoluten Satz bekommt, der alles erklärt, fühlt sich sofort weniger verloren. Ob die Aussage stimmt, ist oft zweitrangig. Wichtig ist: Es fühlt sich wieder sortierbar an. - Skripte geben Kontrolle
Viele Menschen wollen keine Tiefe, keine Weiterentwicklung – sie wollen schnelle Tipps und Tricks, um wieder handlungsfähig zu sein und sich besser zu fühlen. Gurus liefern Handlungsanweisungen: „Sag das“, „mach jenes“, „tu dies auf keinen Fall“. Das erzeugt Sicherheit im ersten Moment, ein Kontrollgefühl in Bereichen, die mit Risiko und Unsicherheit einher gehen können. - Vermeintliche Identität ersetzt wahrhaftige Entwicklung
„Ich bin jetzt eine Frau, die Nein sagt. Ich bin ein Macher. Ich setze jetzt Grenzen. Ich lasse mir nicht mehr auf der Nase herumtanzen. Ich bin eine Führungspersönlichkeit. Ich bin ein Boss Babe.“ Grundsätzlich bin ich immer dabei, wenn es um eine wahrhaftige Veränderung des „Ich bin“ geht. Doch in diesen Fällen ist diese neue Identität eine aufgesetzte Rolle, eine Fassade. Deshalb fühlt sich diese vermeintlich neue Identität als Fortschritt an – auch wenn sich in der wahren Gefühlswelt nichts verändert. - Feindbilder schaffen Gemeinschaft
„Wir gegen die“ bindet sofort. Und was vor allem die Red-Pill-Szene, die PUA (Pick-up Artist) -Szene und sämtliche Männercoaches aber auch Frauencoaches erreichen ist: Gegnerschaft. Der Mann oder jeweils die Frau wird zum Gegner erklärt, mit dem auf diese eine gewisse Art umzugehen sei. Das sind nicht nur unzulässige Verallgemeinerungen, sondern schlicht Feindbilder, die kreiert werden. Also die Männer, die an der rechten Spur festhalten, um eigentlich von ihrer Frau gesehen, geliebt und respektiert zu werden, machen sie mit dieser Methode zum Feindbild, an dem sie sich beweisen und ihre männliche Macht demonstrieren müssen. Doch Feindbilder funktionieren: Wenigstens fühlen sich alle im Gruppenprogramm sofort wohl. - Social Media verstärkt emotionsbetonte, einfache Inhalte
Algorithmen belohnen Zuspitzung, Emotion, Polarisierung und einfache Botschaften. Wer komplexe Inhalte differenziert aufbereitet, bekommt oft weniger Reichweite. Abgesehen davon, dass dafür gar kein Platz ist. Deshalb gewinnen in der Coaching-Bubble oft nicht automatisch die Verantwortungsvollsten, sondern die, die mit den platten Botschaften.
Das Ergebnis: Viele Menschen folgen Gurus nicht, weil sie langfristig wirklich frei werden. Viele folgen, weil sie kurzfristig ihr Nervensystem beruhigen und Verbündete finden. Es ist angenehmer sich (in die Irre) führen zu lassen, als Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen.
Wie Liebe diese Fragen beantwortet
Zuerst möchte ich auf den Artikel verweisen Was ist Liebe. Für diese beiden konkreten Beispiele ist die Antwort sehr klar: Menschen, für die die Liebeskunst Praxis und nicht Theorie ist, lieben sich selbst, vertrauen sich und sind im Frieden mit sich. Sie spielen kein Theater mit anderen Menschen. Wenn sie die Spur wechseln möchte, kann er nach ihren Gründen fragen – und dann ihrem Wunsch nachkommen oder nicht.
Wenn sie „Shit Tests“ veranstaltet, kann er völlig gelassen in seiner Ruhe bleiben, weil er weiß, wer er ist. Er kann ihre Fragen sachlich beantworten – muss sich aber nicht auf Spielchen einlassen. Er könnte ihren Schmerz, ihre Angst und ihre Unsicherheit dahinter erkennen und einfach in seiner Sicherheit und Liebe bleiben. Und unterm Strich – sollte er spüren, dass sie eine besonders unsichere Frau ist, die Männer testet – muss er sich auf dieses Spiel nicht einlassen, sondern kann den Platz frei machen für einen Mann, der glaubt, das zu brauchen.
Denn Du hast richtig gelesen: Spielchen dieser Art, also Shit Tests kommen von unsicheren Frauen, die wenig Selbstwertgefühl und wenig Selbstvertrauen in sich tragen. Auch für sie wäre Liebe die Lösung, damit sie Frieden in ihrem eigenen Herzen finden können und einem Mann nicht mit Angst begegnen müssen.
Übrigens: Dass Menschen grundsätzlich schauen, wie ihr Gegenüber so drauf ist, ist ein völlig gesundes Verhalten und hat auch nichts mit „Testen“ zu tun. Im Kennenlernprozess stellt man sich Fragen, interessiert sich für den anderen und im Bereich des Datings ist selbstverständlich ein völlig gesundes „Abklopfen“ dahinter – von beiden Seiten. Schließlich möchte man wissen, ob man zueinander passt, ob Werte übereinstimmen, Interessen und Lebenspläne. Dies hat aber nichts zu tun mit Machtspielchen und unsicheren Bindungsstilen.
Menschen, die sich für die Liebe entscheiden, gehen entspannter durchs Leben – in allen Lebensbereichen. Sie sind nicht mehr anfällig für Gurus und ihre wirklich bedenkenswerten Aussagen. Sie sind in sich gefestigt, sicher und fühlen sich wohl in ihrer Haut.